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Warum ich keinen Menschen mehr Protokoll schreiben lasse

Über die Wertschätzung unserer Zeit und die Frage, was KI übernehmen sollte, damit wir endlich dort sind, wo wir wirklich zählen.

Neulich bekam ich eine Anfrage, die mich kurz innehalten ließ. Ob ich jemanden in meinem Team hätte, der Protokoll schreiben kann. Viermal im Jahr, vor Ort, bei einer Sitzung.

Ich musste einen Moment überlegen. Nicht weil ich die Frage nicht verstand, sondern weil ich gemerkt habe: Ich lebe schon so lange in einer anderen Realität, dass mich diese Frage wirklich überrascht hat. Protokoll schreiben. Von einem Menschen. Das war für mich so, als würde mich jemand fragen, ob ich noch jemanden hätte, der meine Briefe mit der Schreibmaschine tippt.

Meine ehrliche Antwort: Nein. Und ich will auch gar nicht Menschen für so eine Tätigkeit anstellen.

Das ist für mich eine ganz klare Haltung: Ich möchte, dass Menschen ihre Zeit für das aufwenden, was wirklich zählt. Und Protokollschreiben gehört schlicht nicht dazu.

Der Wendepunkt: Ein Teams-Update, das alles verändert hat

Es war vor etwa zwei Jahren. Microsoft Teams rollte die Transkriptfunktion aus und von einem Tag auf den anderen hatten wir von jedem Meeting optimale, vollständige Gesprächsdaten. Wer hat was gesagt. Wann. In welchem Kontext.

Am Anfang war der Workflow noch manuell: Transkript rausziehen, in eine KI stecken, die wir darauf trainiert hatten, eine Zusammenfassung zu erstellen und die Aufgaben herauszufiltern. Schon damals war das ein riesiger Gewinn. Aber es war noch ein Zwischenschritt.

Heute existiert dieser Zwischenschritt nicht mehr. Jedes Meeting, das wir führen, bekommt automatisch ein KI-generiertes Transkript, eine strukturierte Zusammenfassung und eine klare Aufgabenliste. Ohne dass irgendjemand daran denkt, ohne dass irgendjemand dafür Zeit aufwendet und es geht nie verloren. Es passiert einfach. Im Hintergrund. Während wir uns auf das konzentrieren, was wirklich zählt: das Gespräch selbst.

Was das konkret bedeutet:

  • Keine verlorenen Aufgaben mehr, die irgendwo zwischen Meeting und Alltag verschwinden
  • Keine Missverständnisse mehr nach dem Motto „Das haben wir doch gar nicht so besprochen“
  • Keine nervenraubende Nachbereitung, die eigentlich niemand machen will
  • Keine Energie mehr für etwas, das eine Maschine schlicht besser kann

Das ist kein Luxusproblem eines gut ausgestatteten Unternehmens. Das ist eine Entwicklung, die für jeden Selbstständigen und jedes KMU heute zugänglich ist. Und sie ist erst der Anfang.

Was die Zahlen sagen: KI verändert die Arbeitswelt gerade jetzt

Ich rede nicht von Zukunftsszenarien. Ich rede von dem, was bereits passiert. Dokumentiert, messbar, real.

Laut dem AI Jobs Barometer 2025 von PwC hat sich das Produktivitätswachstum in den am stärksten von KI betroffenen Branchen seit 2022 fast vervierfacht, von 7 auf 27 Prozent. Gleichzeitig verdienen Mitarbeitende mit KI-Kompetenzen im globalen Schnitt 56 Prozent mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne diese Fähigkeiten.

Das McKinsey Global Institute geht davon aus, dass bis 2030 rund 30 Prozent aller aktuellen Arbeitsstunden durch Technologie (inklusive generativer KI) automatisiert werden können. In Deutschland wären davon bis zu 3 Millionen Jobs betroffen. Der größte Anteil entfällt dabei auf administrative Bürotätigkeiten.

Laut einer Studie des IW Köln geben bereits 82 Prozent der deutschen Unternehmen an, durch generative KI Produktivitätssteigerungen zu erzielen, im Schnitt 13 Prozent pro Jahr. Und das meistgenannte Ziel beim KI-Einsatz? Die Befreiung von Routinearbeit, genannt von 84,5 Prozent der befragten Unternehmen.

Das sind keine Zukunftsversprechen. Das sind aktuelle Messwerte. Die Frage ist nicht mehr, ob KI unsere Arbeit verändert. Die Frage ist, ob wir bereit sind, diesen Wandel aktiv zu gestalten oder ob wir ihn passiv über uns ergehen lassen.

 

Was in den letzten zwei Jahren bereits aus unserem Kalender verschwunden ist

Ich rede nicht von Zukunftsvisionen. Das hier passiert bereits täglich in Unternehmen wie meinem, und in vielen anderen:

Meeting-Protokolle und Nachbereitung: In vielen Teams längst automatisiert. KI transkribiert, fasst zusammen, verteilt Aufgaben. Was früher 30 bis 60 Minuten Nacharbeit pro Meeting bedeutete, passiert heute in Echtzeit ohne Aufwand, ohne Fehler, ohne Vergessen.

Content-Erstellung: Blogposts, Social Media, Newsletter, interne Kommunikation wird nicht mehr von Menschen gestartet. Die KI liefert den Rohling. Der Mensch gibt ihm Persönlichkeit, Haltung, Richtung. Das ist eine fundamental andere Rolle und eine viel wertvollere.

Recherchen und Wissensaufbereitung: Was früher Stunden gedauert hat (Quellen suchen, lesen, zusammenfassen, strukturieren) erledigt eine KI in Minuten. Strukturiert, auf den Punkt, mit Quellenangaben. Nicht perfekt, aber als Ausgangslage: unschlagbar.

Einfacher Kundensupport: Rund um die Uhr übernehmen Chatbots Standardanfragen, Terminbuchungen, FAQ-Antworten ganz ohne Wartezeit, ohne menschlichen Aufwand. Der Mensch springt erst dann ein, wenn echte Komplexität oder emotionale Intelligenz gefragt ist.

Dateneingabe, Formularwesen, Reporting: Aufgaben, die früher ganze Stellen gefüllt haben, laufen heute weitgehend automatisch. Rechnungen werden gelesen, Daten übertragen, Berichte generiert ohne dass ein Mensch eine Zahl tippt.

Das alles klingt vielleicht nach Effizienz-Optimierung. Aber ich denke es größer: Es ist eine fundamentale Verschiebung dessen, womit wir unsere Zeit verbringen. Und diese Verschiebung hat gerade erst begonnen.

 

Was in den nächsten zwölf Monaten noch dazukommt

Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt. Und wer glaubt, das Tempo verlangsamt sich, der irrt.

Was bisher war: KI generiert. Sie schreibt Texte, erstellt Bilder, fasst zusammen. Was jetzt kommt: KI exekutiert. Sie erledigt Aufgaben eigenständig, ohne dass ein Mensch jeden Schritt anstoßen muss.

Wir bewegen uns von der Generierung zur Exekution. KI war bisher wie ein Praktikant, dem man jeden Schritt diktieren musste. Was kommt, agiert wie ein erfahrener Projektmanager, dem man das Ziel nennt.

Was konkret auf uns zukommt:

Computer-Steuerung durch KI: Tools wie Claude Computer Use können bereits heute selbstständig in mehreren Browser-Tabs arbeiten, Formulare ausfüllen, E-Mails verfassen. Der Mensch gibt das Ziel vor und die KI findet den Weg. Was heute noch beeindruckend klingt, wird in zwölf Monaten Standard sein.

Autonomes Onboarding und HR-Prozesse: Statt eines Kollegen, der neue Mitarbeitende einarbeitet, organisiert ein KI-Agent Termine, richtet Accounts ein, verschickt Willkommensnachrichten, vollständig autonom. KI-Agenten werden bis 2028 in einem Drittel aller Unternehmenssoftware integriert sein und zwar nicht als Add-on, sondern als Kern.

KI-Telefon-Bots in Recruiting und Kundenservice: Erstgespräche mit Bewerbenden oder Kunden werden zunehmend von Voice-AI geführt. Sie qualifiziert, stellt Fragen, protokolliert und der Mensch tritt erst dann auf den Plan, wenn es wirklich um Entscheidungen geht. Prognosen sehen bis 2029 bis zu 80 Prozent aller Kundenservice-Anfragen durch KI-Agenten beantwortet, ohne menschliches Eingreifen.

Proaktive Prozesssteuerung: KI-Agenten werden künftig nicht mehr nur auf Anfragen reagieren, sondern eigenständig auf Geschäftsereignisse. Eine eingehende Kundenanfrage, ein Lieferengpass, eine Bedarfsspitze. Sie bereiten den Entscheidungsworkflow vor, bevor der Mensch überhaupt davon weiß. Der Mensch genehmigt und die Maschine handelt.

Angebots- und Vertragserstellung: KI liest die Anfrage, erstellt das Angebot auf Basis bewährter Vorlagen, verschickt es. Der Mensch prüft und unterschreibt. Was heute noch ein mehrtägiger Prozess ist, wird sich auf Minuten reduzieren.

Das ist nicht Sci-Fi. Das ist der Fahrplan. Und er gilt für Selbstständige und KMU genauso wie für Großkonzerne und sogar Privatmenschen und deren Urlaubsplanung. Denn die Tools sind längst für jeden verfügbar.

 

Die eigentliche Frage: Wofür brauchen wir Menschen wirklich?

Ich glaube, dass wir uns diese Frage viel zu selten stellen und dabei wertvolle Zeit verschwenden, die wir anders nutzen könnten. Was macht ein Mensch, das eine KI nicht kann?

Die Antwort darauf ist für mich sehr klar und gleichzeitig sehr eng gefasst. Menschen brauche ich da, wo der Mensch für mich wirklich zählt. In echter Präsenz. Mit echter Verbindung. Das ist meine Familie. Meine engsten Freunde. Menschen, die inspirieren. Echte Erlebnisse. Momente, die nicht reproduzierbar sind und nicht delegiert werden können.

Ich schalte meinen Kindern zum Beispiel ganz selten mal ein Hörbuch an. Ich lese ihnen selbst vor. Nicht weil ich keine besseren Sprecher kenne, sondern weil der Wert dieser Zeit nicht in der Geschichte liegt, die erzählt wird. Er liegt darin, dass wir gemeinsam da sind. Dass meine Stimme das ist, was sie in den Schlaf begleitet. Das ist nicht ersetzbar. Das will ich auch nicht ersetzen.

Aber das Protokoll einer Sitzung? Das Nachbereiten eines Meetings? Das Formulieren einer Standard-E-Mail? Das Erstellen eines Reportings? Da sitze ich nicht am Schreibtisch, weil ich dort sein will. Da sitze ich, weil jemand entschieden hat, dass das meine Aufgabe ist. Und das hinterfrage ich.

Die OECD stellt in ihrer Forschung zur KI am Arbeitsmarkt fest, dass KI eher zu einer Umorganisation von Tätigkeiten führt als zu tatsächlichen Arbeitsplatzverlusten und dass menschliche Kompetenzen dort an Bedeutung gewinnen, wo Empathie, Komplexität und kreative Entscheidungen gefragt sind. Genau das ist der Punkt. KI nimmt uns nicht weg, was wir können. Sie gibt uns zurück, was wirklich zählt.

 

Zeitminimalismus: Weniger tun, was eine Maschine kann. Mehr sein, wo ein Mensch zählt.

Ich nenne meinen Ansatz Zeitminimalismus. Und er hat nichts mit Faulheit zu tun. Es geht darum, konsequent zu hinterfragen: Ist das, womit ich gerade meine Zeit verbringe, eine Aufgabe oder ein echter Moment? Ist das etwas, das erledigt werden muss, oder etwas, das erlebt werden will?

Alles, was in die erste Kategorie fällt und von einer Maschine besser, schneller oder günstiger erledigt werden kann: Raus aus meinem Kalender.

Weil in der Zeit, in der ein Mensch sitzt und Protokoll schreibt, könnte er genauso gut am Strand liegen und einen Cocktail schlürfen. Das klingt übertrieben, aber es steckt ein echter Gedanke dahinter. Wenn wir schon nicht am Strand sind, dann sollten wir wenigstens dort sein, wo wir wirklich gebraucht werden. Als Menschen. Nicht als Protokoll-Maschinen.

Ich habe nicht viele Menschen in meinem Leben. Aber ich habe Menschen, mit denen ich sehr hohe Qualität im Kontakt habe. Das ist eine bewusste Entscheidung. Qualität über Quantität. Präsenz über Produktivität.

Zeitminimalismus bedeutet nicht, weniger zu leisten. Es bedeutet, das Richtige zu leisten, mit dem richtigen Werkzeug, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.

 

Drei Fragen für deinen Kalender heute

Ich möchte dich nicht mit einer To-do-Liste zurücklassen. Stattdessen mit drei Fragen, die ich mir selbst regelmäßig stelle:

  1. Welche wiederkehrenden Aufgaben in deinem Kalender könnte eine KI heute schon übernehmen und du machst sie trotzdem noch selbst? Warum eigentlich?
  2. Was würdest du mit der gewonnenen Zeit anfangen, wenn du ganz frei wählen könntest?
  3. Mit wem oder womit warst du in letzter Zeit nicht wirklich präsent, weil du zu beschäftigt warst mit Dingen, die keine Präsenz erfordern?

Die Technologie ist da. Die Frage ist nicht mehr, ob KI bestimmte Aufgaben übernehmen kann. Die Frage ist, ob wir bereit sind, sie loszulassen.

Und dann: Was wir mit dem tun, was bleibt.

 

Was ist die eine Aufgabe in deinem Kalender, die du sofort an eine KI abgeben würdest – wenn du wüßtest, wie? Schreib es mir.

 

Deine nächsten Schritte mit mir (wenn du magst):

📩 Newsletter für regelmäßige Impulse
✨ Gläserübung für erste Klarheit
🕰️ Warteliste fürs Live-Webinar
💚 Kostenloses Erstgespräch oder 1:1 Coaching

 

 

Quellen

PwC: AI Jobs Barometer 2025 – pwc.de

McKinsey Global Institute: A new future of work – mckinsey.de, Mai 2024

IW Köln: KI als Wettbewerbsfaktor – IW-Report 2025

Gartner: Prognosen zur Agentic AI 2028 – gartner.com

OECD: Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt – bmwet.gv.at

SAP News Center: KI 2025 – fünf beherrschende Themen – news.sap.com, März 2025